Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Kein Lüftchen regt sich momentan und wir haben eine erholsame Nacht hinter uns. Es ist dazu noch erstaunlich mild.

Wenn man die Bilder vom rauen Norden sieht, denkt man wahrscheinlich, dass wir permanent frieren. Aber wenn uns eine Sache keine Sorgen bereitet, sind es die Temperaturen. Es ist für Anfang Oktober eher noch viel zu mild. Momentan kommt einem der Wetterbericht wie Panikmache vor. Dass hier übermorgen Orkanböen übers Land ziehen, kommt mir völlig absurd vor.


Ein guter Plan?
Ganz kurz überlegen wir, ob man einfach hier stehen bleiben könnte. In einer geschützten Lage hinter dem Sanitärgebäude könnte das doch gehen? Aber vernünftig wäre das nicht. Und außerdem haben wir schon einen Plan gefasst.
Wir verfolgen seit ein paar Tagen die Wettervideos des Met Office, die ausführlich erklären, was da auf uns zukommt. Und dort konnte man sehen, dass die Aberdeenshire zu den Regionen gehört, die am mildesten davonkommen sollen.
Das passt zwar nicht zu unseren eigentlichen Plänen, aber bei Orkanböen in Windstärke 12 und heftigem Regen an der Westküste haben wir nicht wirklich eine Wahl.

Wir haben gestern den ganzen Abend über unseren Apps gebrütet und nach Plätzen gesucht, die sicher und windgeschützt aussehen. Dabei sind wir auf den Haughton Holiday Park in Alford gestoßen. Weit genug von den Bergen der Cairngorms und der Küste gleichermaßen entfernt, sodass wir uns davon versprechen, dass die stärksten Windverstärker aus dem Rennen sind.
Der Plan ist, heute etwas in Richtung Ostküste zu tingeln und morgen dann den Rest zu fahren. Easy.
Aua!
Wir machen uns abfahrbereit und bei der Entsorgung mache ich wieder mal die eine Bewegung, die man besser nicht machen sollte und der nächste Hexenschuss kündigt sich an. Aua! Mit einer Dröhnung Ibu bin ich dann aber immerhin noch fahrtüchtig. Gerade noch mal Glück gehabt?
Wir verabschieden uns von der Westküste und begeben uns auf den Weg gen Osten. Zwischendurch muss aber der eine oder andere Fotostopp drin sein, um die beginnende herbstliche Färbung der Landschaft zu fotografieren. Es sind teilweise jetzt schon grandiose Farben!



Loch Achilty
Ich hatte mir den Loch Achilty als absolut sehenswert und fotogen notiert, und er ist ein wunderbarer kleiner Zwischenstopp. Alleine schon die Strecke dorthin ist ein absoluter Genuss. Erinnerungen an unsere Zeit am Loch an Eilein werden wach. Genau wegen dieser Farben wollen wir dieses Jahr auch den Oktober noch hier erleben!

Leider spielen drei Bedingungen hier nicht mit: Es ist kein Übernachtungsplatz, das Wetter ist eher schaurig und mein Bewegungsradius ist doch arg eingeschränkt. Aber ein kurzer, langsamer Spaziergang tut dem Rücken gut.



Planänderung
Was könnte jetzt das nächste Ziel sein? Wir möchten lieber auf Nummer Sicher gehen. Momentan kann ich mich noch recht gut bewegen. Aber da Annette kategorisch ausschließt, sich hier ans Steuer zu setzen, scheint es uns besser, heute schon unser Ziel zu erreichen, bevor ich an irgendeinem Zwischenstopp komplett ausfalle und wir in der Sturmfalle sitzen.
Das bedeutet aber noch einmal 2,5 Stunden Fahrt. Also schnell ab hinters Lenkrad!
Indian Summer Memories
Es gibt zwei Routen, die uns das Navi vorschlägt. Die Straße über die A96 kennen wir schon. Es ist eine eher funktional-langweilige Route. Dann doch lieber durch die Speyside und die nördlichen Ausläufer der Cairngorms.
Was die Landschaft angeht: Alles richtig gemacht.

Bei mir werden Erinnerungen an unsere Fahrt durch den Indian Summer im amerikanischen Nordosten vor 20 Jahren wach. Teilweise sind es ähnlich leuchtende Farben und Stimmungen. Wunderbar!

20%
Fahrtechnisch ist das hier noch mal eine richtige Herausforderung. Weniger wegen des Zustands der Straßen. Der ist eigentlich ziemlich okay. Und auch Single Track gibt es hier nicht.
Aber was man auf der Landkarte oder im Navi nicht angezeigt bekommt, sind die extremen Steigungen und Gefälle. Mehr als einmal sehen wir das Schild „20 %“ – entweder bergab oder bergauf.
Während bei Bergauf eher ich ins Schwitzen komme, ob der Alpa das wirklich packt (packt er!) ist bei Bergab Annette diejenige, die sich in den Sitz krallt. Das geht schon beeindruckend steil bergab!
Zum Glück ist die Strecke hier nicht stark befahren und wir können mal wieder das HDC (Hill Descent Control) vom Ducato nutzen. Ohne einen röhrenden Motor oder immer wieder auf der Bremse zu stehen, gleiten wir so entspannt ins Tal. Gutes Feature!
Haughton Holiday Park
Erst in der Dämmerung kommen wir an unserem Ziel an. Wir sind spontan beeindruckt. Stellt euch eine Toreinfahrt in einen herrschaftlichen Garten vor. Alles weitläufig und mit einem tollen alten Baumbestand. Man sollte nicht meinen, dass man hier auf einen Campingplatz zufährt. Mehr als einmal frage ich mich, ob wir das Schild falsch gelesen haben.
Aber es hat alles seine Richtigkeit. Wir werden herzlich empfangen und erhalten eine Einweisung, wie man zu unserem Platz 111 kommt. Das ist auch gut so, denn wir hätten uns mehrmals verfahren, wenn ich nicht auf Navigatorin Annette hören würde.
Wir sind dann ganz beglückt, als wir sehen, dass alles seine Richtigkeit hat. Große, ebene Parzellen. Wir richten den Alpa schon mal mit der Nase in Richtung Sturm aus und sind gespannt, wie viel Windschutz uns die umgebenden Bäume bieten werden.

Castle Country
Wir machen noch eine kleine Hunderunde am River Don entlang und sind mit unserer Wahl bis jetzt sehr zufrieden.
Unsere Gastgeberin hat uns mit „Welcome to Castle Country!“ begrüßt. Hier in der Umgebung gebe es so viele Castles wie sonst nirgendwo im UK. Unter anderem die bekannten Balmoral und Braemar. Mal sehen, welche wir besuchen.
Wie schön, wenn man schöne Gegenden entdeckt, die man vorher nicht so sehr auf dem Schirm gehabt hätte!