Wir befinden uns in einem merkwürdigen Zustand. Obwohl der Platz in Glendaruel wunderbar ruhig und gepflegt ist, haben wir ein starkes Gefühl von „Das isses noch nicht“. Und obwohl wir hier in der Gegend genügend Ziele in unseren Reiseführern finden könnten, schmieden wir Pläne, wie wir möglichst schnell in die Highlands kommen könnten. Es ist die gleiche Sehnsucht, die uns dieses Frühjahr schon wieder nach Schottland gelockt hat. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Chaotische Pläne
Dagegen spricht, dass es uns hier in Argyll und Bute eben auch gut gefällt und es ein bisschen dumm wäre, die Region schon wieder zu verlassen, wo wir sie gerade einmal kennenlernen.
Den Ausschlag für die Tagesplanung gibt schließlich ein Voucher für ermäßigten Eintritt in die Benmore Gardens, den wir gestern von unserer Gastgeberin Annie überreicht bekamen. Die Gärten wollen wir mal eben weggucken und dann entscheiden, wie es weitergeht. Little did we know…
B836
Der Weg zu den Gärten führt uns über eine dieser Nebenstrecken, die wir so lieben. Die B836 entpuppt sich als fahrerisches Vergnügen der Extraklasse. Ob das allerdings auch die Radfahrer denken, die auf dieser National-Cycle-Route ihre Räder die 20 % Steigung hinaufschieben, wissen wir nicht.

Der besondere botanische Garten
Als wir in Benmore ankommen, zieht sich der Himmel zu und während wir uns mit überraschend leckerer und preiswerter Verpflegung aus dem Café stärken, geht auch noch ein kräftiger Schauer nieder. Kurz überlege ich, ob wir die Sache abblasen sollen, aber wir wissen ja, wie das schottische Wetter ist. Nach fünf Minuten ist alles vorüber, als wäre nie etwas gewesen. Immer wieder verblüffend, wenn man von Zuhause den bergischen Dauerregen gewohnt ist.
Wir stolpern etwas unvorbereitet in die Benmore Gardens hinein. Erwartet haben wir einen geordnet angelegten Garten mit geraden Wegen, gepflegten Rabatten mit englischem Rasen und einem gelegentlich eingestreuten Gewächshaus.
Das findet man in den Benmore Gardens, einer Nebenstelle der Royal Botanic Garden in Edinburgh, auch. Aber es macht eben nur einen Bruchteil des Geländes aus, wie wir feststellen.
Redwood Avenue
Hier wird man direkt mal mit einem Statement beeindruckt. Eine Allee mit 49 Redwood-Mammutbäumen (Nummer 50 ist einem Sturm vor 60 Jahren zum Opfer gefallen) ist schon mal etwas besonderes.


Und es gibt auch gleich mal den Ton für diesen besonderen Garten vor. Es ist alles XL! Es gibt so viele unglaublich große und alte Bäume, Douglasien und schottische Waldkiefern, aber auch Rhododendren von ungeahnten Ausmaßen zu bestaunen.

Das Ganze lässt sich nur erfassen, wenn man bereit ist, mehrere Kilometer zu gehen, wobei es gerne auch mal auf und ab geht. So hat man eher den Eindruck, eine Wanderung zu machen, auf der es immer wieder besondere botanische Sehenswürdigkeiten gibt.



Golden Gates
Wir sind von dieser Wunderwelt der Stille und vor allem der alten, riesigen Bäume völlig fasziniert. Da müssen sich die menschengemachten Dinge ordentlich anstrengen, um da mitzuhalten.
Eine davon schafft das spielend. Die Golden Gates, die früher den Haupteingang des Gartens markierten, sind eine Sehenswürdigkeit für sich. Fun Fact: Hergestellt in Berlin! Sie wurden erstmals bei der Weltausstellung in Paris 1878 ausgestellt und wenn man sie gesehen hat, weiß man auch, warum. Das ist ein echtes Kunstwerk!


Victorian Fernery
Am Einlass wurde mir die Fernery ans Herz gelegt. Das Farnhaus sei einer der Höhepunkte des Gartens. Wie wir nach dem Anstieg dorthin bestätigen können.
Noch dazu, wenn man weiß, dass das ursprüngliche Gebäude schon stark verfallen war und vor einigen Jahren erst kunstvoll restauriert wurde.



Den ursprünglichen Charme hat es aber behalten, und der Star sind hier ohnehin die vielfältigen Farnarten, die es zu entdecken gilt.
Weltreise in ein paar Schritten
Apropos Entdecken: In den nun folgenden Bereichen kommt man nach Japan, Bhutan und Chile. Schleichend ändert sich hier die Botanik und Blumen, Sträucher und Bäume aus diesen Regionen mischen sich unter die schottische Botanik.
Beim bhutanesischen Bereich fallen die kleinen Steinsäulen auf, auf deren Simse die Besucher beim Vorübergehen einen Kiesel legen. Macht man das wohl so in Bhutan? Wir haben uns sicherheitshalber mal angeschlossen - nicht, dass wir noch Unglück ernten!



Im chilenischen Bereich gefällt mir der englische Name für Araukarien am besten: Monkey Puzzle Tree. Der beruht wohl auf der Aussage eines Engländers, der beim Anblick trocken kommentierte, dass die dolchartigen Stacheln wohl auch einen Affen vor Probleme stellen würde, wenn er ihn erklimmen wolle. Fun Fact: Es gibt gar keine Affen in Chile…





The Secret Glen
Es kommt dann, wie es kommen muss. Bis kurz vor Schließung um 17 Uhr streifen wir durch die Gärten und haben am Ende noch nicht alles, aber immerhin das meiste gesehen. Aber unser Plan, noch zwei Stunden bis zum Mull of Kintyre zu fahren, ist Makulatur.
Wie gut, dass Annette auf der Anfahrt einen Kilometer vor den Gärten einen offensichtlich flammneuen Stellplatz an der A815 entdeckt hat. Der sah sehr ordentlich aus und die Bewertungen hierzu fallen begeistert aus.
Als wir dorthin fahren, werden wir freundlich begrüßt und meine Bedenken wegen der unmittelbaren(!) Lage an der Straße entkräftet, indem uns der hinterste der oberen „fully serviced“ Plätze zum Preis der „billigen“ Plätze unten an der Straße angeboten wird.
Mit 30 £ ist das dann zwar immer noch stattlich, aber gemessen an der gebotenen Qualität auf jeden Fall angemessen. Denn der Stellplatz ist so angelegt, wie man es sich als Wohnmobilist erträumt. Großzügige Parzellen mit Wasser- und Grauwasseranschluss samt Strom. Auch V/E ist wunderbar gelöst. Das gönnen wir uns gerne. Zum Straßenlärm gibt es dann zwei Meinungen. Während mich das (schon gar nicht nachts) nicht besonders stört, empfindet Annette es als unangenehm.

Squirrel Time
Eigentlich möchte ich nun, komplett gesättigt mit den Eindrücken des Tages, nur noch mit einem Bierchen in der Hand entspannen. Aber da gibt es noch eine Besonderheit an diesem Stellplatz.
Hinter dem Zaun fällt das Gelände zu einem Bach ab. Und an den gegenüberliegenden Bäumen sind Futterkästen für die hier heimischen roten Eichhörnchen angebracht. Und wie uns die Betreiberin grinsend mitteilt, sind diese gerade von ihrem Mann frisch gefüllt worden. „You’ll see a red squirrel soon!“
Sie hat nicht übertrieben. Zunächst freue ich mich schon riesig, endlich mal eines vor die Linse zu bekommen. Aber schon bald kommen auch noch zwei, drei Kollegen dazu. Die Kamera steht nicht still!




Und auf einem Baumstumpf gibt es dann sogar ein Stelldichein von Squirrels und Vögelchen. Ein unerwartet tolles Ende für einen weiteren Tag, an dem uns auch die Region Argyll & Bute erneut begeistert. Immer mehr haben wir den Eindruck, dass es völlig egal ist, wo wir uns in Schottland aufhalten: Es gibt noch tausend Sachen zu entdecken!



