Meine Güte, was war ich gestern Abend fertig. Zwar auf eine gute Weise, weil man so viel Schönes erlebt hat, aber trotzdem: Mein gefühlter Akku läuft auf Reserve.
Ich hätte daher nichts gegen eine weitere Übernachtung im Secret Glen gehabt, aber Annette weist zu Recht darauf hin, dass sie die Geräusche vom Straßenverkehr nerven. Und, entscheidender Pluspunkt: Für die 30 £ könnten wir auch einen feinen Campingplatz am Meer haben. Denn den haben wir uns auf der Kintyre-Halbinsel schon mal ausgeguckt.

Aufbruch
Also heißt es: Abfahrt, nachdem wir alles gemütlich fertig gemacht haben. Die A815 ist im weiteren Verlauf den Loch Eck entlang wenig spektakulär. Zumindest ist das mein Eindruck, der aber auch täuschen kann. Denn die Straße verlangt Aufmerksamkeit vom Fahrer, da vergleichsweise viel Verkehr herrscht und die Fahrspuren eher schmal bemessen sind.
Da kommt uns ein Stopp in Inveraray nach einer Stunde gerade recht.
Pro-Tipp für alle aus Osten anreisenden: Vor dem Ort gibt es eine einspurige Brücke, die ampelgeregelt ist. Hier kann der Beifahrer schon mal die Kamera bereithalten, denn von der Brücke aus hat man eine tolle Sicht auf Inveraray Castle. Wir sehen es zu spät und müssen leider ohne Foto weiterfahren.
Erfreut sehen wir, dass es in Inveraray sogar Wohnmobilparkplätze gibt (no overnight). Diese haben aber dann doch zwei Nachteile: Viel zu eng bemessen (wir passen nicht wirklich in eine Lücke und belegen zwei Plätze) und kostenpflichtig.
Netterweise spricht mich eine junge Frau an, als ich gerade das Handy zücke, um per Paybyphone zu zahlen. Wenn ich die Straße einfach weiter durchfahre, wären hinten am Coop kostenlose Parkplätze.
Ich bedanke mich und kutschiere das Mannimobil ein paar hundert Meter weiter. Tatsächlich kostenlose Plätze! Allerdings müsste man am Ende eine äußerst spitze Kurve fahren, die man mit dem Alpa nur bedingt fahren kann. Wir treten mit Warnblinker den Rückzug an und Annette hat die pragmatische Idee: Fahre doch einfach in der Ausfahrt rein und wende dort. Da dort mehr als reichlich Platz ist, wird es genauso gemacht.
Scallops in Inveraray
Wir starten einen Stadtbummel nach Inveraray und sind ganz überrascht, dass es hier zwar touristisch zugeht, aber auf eine eher gute Weise. Es sind viele kleinere Läden, die ganz offensichtlich auf das Shopping der Touristen warten, aber die ganz schlimmen Nepp-Läden sind klar in der Minderheit.

Annette hat ausgekundschaftet, dass auch Inveraray einen Seafood-Shack hat. Der hat aber mit dem in Ullapool nichts zu tun (Breaking News: Dort ist der alte Container durch ein Gebäude ersetzt worden. Hoffentlich behält alles seinen Charme!).

Wir gehen also Richtung Hafen und können ihn zunächst nicht sehen. Es ist nämlich wirklich nur ein kleiner Bauwagen, der auf der Mole steht. Aber oft sind das ja die Besten!
In diesem Fall würden wir sagen: Ja! Denn natürlich wählen wir Scallops, die es hier mit Bärlauchbutter in einem Foccacia-Sandwich gibt. Teuer, aber schweinelecker!

Ich wundere mich, dass der freundliche Dude mit dem Highlander-Bart hinter der Theke fließend Italienisch mit den Kunden spricht, die vor uns dran sind und unverkennbar Italiener sind. Auf meine Nachfrage bestätigt er strahlend, dass sie beide aus Italien kämen und seit Juli ’25 diesen Food-Wagen betreiben. Wir waren auf jeden Fall so zufrieden, dass wir auch noch das „Lango Sub“ (mit Langustinen) als „Nachtisch“ bestellen. Das ist dann aber „nur“ lecker und nicht so grandios.
Der eigentliche Nachtisch ist dann auch eher das Eis, was wir uns im Pier Shop am Hafen holen. Das ist von der Yarde Farm in Devon und schmeckt ausgesprochen lecker, obwohl es nicht aus Schottland kommt.

A83
Nachdem wir noch ein wenig gebummelt haben, machen wir uns auf die zweite Etappe des Tages. Und die wird anstrengend. Ob es an der Streckenführung oder meiner Müdigkeit oder der sinkenden Konzentration geschuldet ist? Keine Ahnung. Aber die Strecke bis an die Westküste der Kintyre-Halbinsel zieht sich.
Ich fühle mich mittlerweile an das berühmte Trapatoni-Zitat von „Flasche leer“ erinnert. Genau so fühle ich mich mittlerweile.
In Lochgilphead können wir noch einmal Gas nachtanken und ich verzweifele mal wieder an diesem bekloppten Bajonett-Adapter der Briten. Nie weiß man, ob man jetzt richtig angeschlossen ist, und auch beim anschließenden Entfernen des Gashahns ist es reines Raten, ob man die richtige Stellung gefunden hat. Aber es ist hoffentlich das letzte Mal auf dieser Reise…
Die A83 auf der Halbinsel beeindruckt uns in erster Linie durch die sportliche Fahrweise der Locals. Ich würde mich jetzt gar nicht mal als so ängstlich und zurückhaltend beim Fahren beschreiben, aber es ist scheinbar viel zu langsam für die anderen. Ein Transporter überholt mich (und auch die Fahrzeuge vor uns) in halsbrecherischem Tempo, und selbst mit dem Lkw vor uns kann ich nur mühsam mithalten.
Es wird Zeit, dass wir ankommen.
Big Jessies’ Tearoom
Aber als wir hinter Kennacraig die Küste erreichen, steigt mit einem Mal auch die Laune wieder. Wie geil sieht das denn bitteschön aus? Die Paps of Jura, die markante Hügelkette, ragen vor einem unwirklich grün schimmernden Meer hervor und alles sieht einfach nur umwerfend aus. Genau dafür fahren wir nach Schottland!
Annette hat die gute Idee, dass wir schon auskundschaften, wie die Stellplätze in Tayinloan, dem Fährhafen zur Insel Gigha, aussehen.
Wir parken vor Big Jessie’s Tearoom, sondieren die Lage und stellen fest, dass das hier richtig gut wäre - wenn es noch einen freien Stellplatz gäbe…

Aber wir testen schon mal die Verpflegungslage im Tearoom und können für die Kuchen Grünes Licht geben: Megalecker! Und weil das nette Betreiberehepaar auch die Stellplätze verwaltet, reservieren wir schon mal für Dienstag und Mittwoch einen Stellplatz. Denn dann wollen wir nach Gigha übersetzen.
Killegruer
Unser heutiges Ziel ist dann doch ein anderes. Hinter dem Örtchen Glenbarr gibt es einen kleinen Campingplatz genau nach unserem Beuteschema: Killegruer. Der Name könnte auch aus einem Astrid-Lindgren-Roman stammen. Schnuckelig klein, alles etwas basic, aber sauber und gut durchdacht.
Vor allem aber: Lage, Lage, Lage! Für Womos gibt es einen Grasstreifen unmittelbar am Meer. So, wie wir es lieben.
Wir entdecken unseren Pitch Marker, parken in Rekordzeit ein und genießen aus der Rundsitzgruppe einen Panoramablick. Im Südwesten sehen wir doch tatsächlich bis Nordirland hinüber, im Westen liegt die Whiskyinsel Islay und im Nordwesten ragen die Paps of Jura in den Himmel.

Wir müssen uns gar nicht lange unterhalten, sondern nur gegenseitig in die Augen blicken.
Wir sind angekommen!




