Der Wetterumschwung ist deutlich. In der Nacht windet es so sehr, dass ich lieber die Hubstützen einfahre. Aber wir wollen aus dem trüben Regenwetter das Beste machen. Regentage sind Fahrtage.
Unser Fahrtag soll uns ins nette Hafenstädtchen Oban führen, von wo wir nach Mull übersetzen möchten. Die Fähre ist schon gebucht – es kann also gar nichts schiefgehen. So der Plan.
Der Schlüssel
Wir verabschieden uns von der uns so liebgewonnenen Aussicht und wollen aufbrechen. Klappt aber nicht, wenn man keinen Autoschlüssel hat. Aber der lag doch noch auf dem Tisch? Wir suchen hier, wir suchen dort – kein Schlüssel.
Erst als mir schon so richtig mulmig wird, habe ich doch noch die rettende Idee. Er ist tatsächlich in der Hosentasche meiner ordentlich verstauten Hose, die ich bereits schon einmal abgetastet hatte. Große Erleichterung, aber auch ein wenig Ärger über die verlorene Zeit.
Der Spiegel
Wir fahren munter die A83 in Richtung Norden. Schon auf der Hinfahrt fand ich die Straße unangenehm zu fahren. Vielleicht eine Vorahnung? Denn an einer etwas schmaleren Stelle an einer Steinbrücke passiert dann das, was ich schon von so vielen Schottland-Reisenden gehört habe.
Ein lauter Knall und das uns entgegenkommende Wohnmobil hat uns den rechten Außenspiegel rasiert. Es war wirklich das denkbar ungünstigste Timing, dass sich beide Fahrzeuge an der engsten Stelle treffen und keiner so klug war, etwas abzubremsen. Mist, Mist, Mist.
An der nächsten Haltemöglichkeit fahre ich links ran und begutachte den Schaden. Ziemlich heftig, denn die Spiegelplatte hat sich wie ein Wurfgeschoss in den Spalt des Beifahrerfensters gefressen.


Ein nettes österreichisches Paar, das hinter uns gefahren war, hat den Unfall gesehen und bietet Hilfe an. Ich bitte sie, mal zu sehen, ob das andere Fahrzeug noch irgendwo zu finden ist. Sie kehren später wieder zurück und haben keine Spur vom Unfallgegner finden können.
Also versorge ich die Wunde des MoMos notdürftig mit Panzertape, entferne alle geschrotteten Teile und freue mich auf der Weiterfahrt umso mehr, dass wir die 360°-Kamera haben. Die gibt mir zumindest das Gefühl, nicht zu sehr amputiert zu sein.

Zu allem Überfluss kommen auch noch dampfbetriebene(!), lokomotivenähnliche Gefährte im Schneckentempo an uns vorbei, die eine Schlange von entnervten Autofahrern hinter sich herziehen. Wir warten fast schon darauf, dass es bei einem unbedachten Überholmanöver den nächsten Crash gibt.

Die Fähre
In Oban erledigen wir unseren Großeinkauf und wollen die Chance nutzen, die Fähre zu nehmen, die eine Stunde früher fährt. Für den eigentlich geplanten gemütlichen Oban-Bummel fehlt uns die Zeit und vor allem auch die unbeschwerte Laune.
Wir warten also in der Schlange mit den Standby-Kandidaten als wir eine Durchsage im Hafengelände hören. Die schon nahezu beladene Fähre fällt wegen eines technischen Defektes aus. Alle müssen wieder von Bord.
Auch dieser Plan geht also schief. Aber immerhin gehören wir nicht zu den Leuten, die rückwärts wieder aus der Fähre hinausfahren müssen. Das hätte ich ohne Spiegel auch wirklich nicht haben müssen.
Aber wider Erwarten können wir dann vollkommen problemlos mit unserer Fähre nach Mull übersetzen.

Jetzt gibt es aber ein neues Problem. Denn vor dem Übersetzen wollte ich eigentlich noch einmal Bargeld holen. Das könnte man zum Bezahlen bei Stellplätzen auf einer Farm schon mal gut brauchen. Aber in der ganzen Aufregung mit Spiegel-Crash und Fähren-Chaos hatte ich es schlicht vergessen.
Ich bin dann erleichtert, als ich sehe, dass es im lokalen Spar-Markt einen Geldautomaten geben soll. Die Öffnungszeit bis 18 Uhr sollte doch locker ausreichen. Ich überprüfe noch mal unser Ticket für die Überfahrt: Ankunft 18.05 Uhr.
An dieser Stelle lache ich nur noch über diesen bekloppten Tag.
Die Anfahrt
Wir fahren, wie schon 2019, in den Südwesten von Mull. Aber anders als damals möchten wir etwas Neues ausprobieren. In Ardalanish gibt es eine Farm und Weberei, welche die Zeichen der Zeit erkannt hat und eine Wiese für Wohnmobile als Stellplatz anbietet.
Die einstündige Fahrt wird dann, obwohl ich wirklich gerne Single Track fahre, anstrengender als gedacht. Denn auf dem ersten Stück ist noch ordentlich Verkehr (für Single-Track-Verhältnisse) und man muss immer wieder anhalten, abwarten oder überholen lassen. Da fehlt der Außenspiegel für den schnellen Check schon sehr.

Und ihr kennt das sicher: Nach solch einem Malheur ist das fahrerische Selbstvertrauen angeknackst und die Straße kommt einem noch mal doppelt so schmal vor. Anstrengend.
Auf halber Strecke sehen wir das Schild „Road closed“ am Abzweig zur Rundtour um den Loch na Keal, auf die wir uns bei der Planung für die spätere Weiterfahrt schon gefreut haben. Fällt jetzt leider aus. Und es bedeutet, dass wir beim Verlassen dieses Teils der Insel das ganze Stück bis Craignure wieder zurückfahren werden. Es gibt wirklich sehr wenige Straßen hier…
Als wir im Dorf Bunessan zur Farm abbiegen, wird die Straße noch einmal etwas rauher und schmaler. Zum Ausgleich gibt es dann aber auch keinen Gegenverkehr mehr.
Zumindest keinen menschlichen. Stattdessen stehen da gerne mal Kühe und Schafe auf der Fahrbahn und vor allem Kühe sind sehr langsam im Denken, ob sie da jetzt wirklich Platz machen wollen.

Die Farm
Die Ardalanish-Farm ist aber gut ausgeschildert und es stehen auch immer Schilder am Straßenrand, die Motorhomes willkommen heißen. Fast schon wie eine Ermutigung nach dem Motto „Wir wissen, dass es unmöglich zu fahren aussieht. Vertraut uns.“ Und mit diesem Gottvertrauen bewältigen wir dann auch die finale Strecke zum Bauernhof.
Dort werden wir freundlich willkommen geheißen und auch das Bargeld-Problem löst sich in Luft auf: Kartenzahlung möglich!
Jetzt nur noch durch zwei Gatter hindurch und nach einer weiteren halsbrecherischen Abfahrt haben wir eine riesige Wiese ganz für uns alleine. Witzig: Am Stellplatz in Port nan Gael, an dem wir vorbeigefahren sind, waren alle 35 Plätze belegt. Und hier stehen wir jetzt also mutterseelenalleine.
Der Strand
Einen Besuch am Strand sind wir den braven Hunden nach einem hundeunfreundlichen Tag mehr als schuldig. Aber wir sind auch neugierig. Würde er so schön wie unser letzter Strand sein?
Zuvor müssen wir aber mit den Hunden noch eine Kuhwiese mit stattlichen Highland-Rindern überqueren. Diese sind jedoch erfreulich entspannt.
Es passt dann irgendwie total zu diesem Tag, dass natürlich absolute Flut ist, als wir dort ankommen. Entsprechend sehen wir wenig Sand, viel Tang und für den Grusel sogar ein Schafskelett. Nicht ganz so pittoresk…

Und auf dem Rückweg stehen einige Rinder genau auf dem Weg, der zum MoMo führt. Wir gehen einen kleinen Umweg den Zaun entlang und dreimal dürft ihr raten, wer ausrutscht und voll in der Mocke landet… Es ist wirklich nicht mein Tag.
Und dennoch: Als wir nach dem Abendessen noch einmal hinausschauen, leuchtet der Himmel zart, Kühe und Schafe stehen an und auf dem Hügel und es ist wundervoll friedlich. Das könnte noch gut werden hier in Ardalanish.

