Die Nacht hindurch und auch in den Morgenstunden hört man das brunftige Röhren der Hirsche. Nur zu sehen bekommen wir sie leider den ganzen Tag über nicht. Das soll dann aber auch das einzige Manko sein, was dieser Tag für uns bereithält. Schon die Morgenstimmung deutet darauf hin, dass dies ein besonderer Tag wird.


Rundwanderung Deluxe
Unser Plan für heute: simpel. Eine Runde um den Loch Muick (übrigens gesprochen: Mick) laufen. Das soll man in drei bis vier Stunden geschafft haben. Außerdem soll es ein eher einfacher Weg sein, da er größtenteils auf geschotterten Wegen zu absolvieren ist. Hört sich nach einer leichten Aufgabe an. Navigieren wäre auch schwierig, denn Internet hat man hier im Tal keines. Aber diese Runde läuft man einfach auf Sicht. Wir wählen die Variante im Uhrzeigersinn.
Diese Farben!
Den ersten Teil kennen wir bereits von gestern Abend. Ab dann wird es eine Runde, die uns erstaunlich oft zum Jauchzen und Strahlen bringt.



Und das hätten wir nach unserer Vorab-Recherche gar nicht gedacht. Wir hatten eher mit einer düster-einsamen Stimmung gerechnet. Aber im Oktober schießt die Natur hier aus allen Rohren. Alle Herbstfarben sind hier aufs Schönste zu finden.



Bäume von oben
Eine Besonderheit ist die Perspektive. Auf dem ersten Stück kann man wunderbar die Bäume mit dem Wasser des Lochs als Hintergrund fotografieren. Das führt dazu, dass das Gehirn ausgetrickst wird. Man erwartet den Himmel, bekommt aber eine Wasseroberfläche, die allerdings eine ganz eigene Qualität hat.





Begehbares Gemälde
Irgendwann macht es bei mir Klick: All diese Schönheit sieht aus wie ein Gemälde. Jeder Baum wirkt, als sei er mit zielsicherem Pinselstrich in die Landschaft gesetzt und dann in viel Feinarbeit mit leuchtenden Blättern betupft worden.






Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zum Museum. Wir gehen hier mitten durch das Kunstwerk hindurch und egal, in welche Richtung wir uns wenden: Der Künstler hat auch hier ganze Arbeit geleistet. Noch eine Kurve, noch eine Farbfläche, noch ein feines Detail. Mein Gehirn ist kurz davor, zu explodieren, als es versucht, diese ganzen Informationen zu verarbeiten.








Glas-allt-Shiel
Nachdem wir am Ende des Sees eine Pause gemacht haben, soll es auf dem Rückweg zügig vorangehen. Allein: Die Natur spielt nicht mit. Und Queen Victoria. Denn diese hat 1868 die Lodge Glas-allt-Shiel am Loch Muick bauen lassen. Wir hatten sie vom anderen Ufer bereits gesehen.

Aber als wir das Gelände betreten, begeben wir uns in ein kleines Wunderland. Die kaledonische Kiefern wirken wie ein Zauberwald. Auf jeden Fall verzaubern sie uns!



Auf einer Lichtung wurde dort die Lodge erbaut und man kann Queen Victoria nur zu ihrer Entscheidung gratulieren. Dort würde ich auch gerne mein Refugium haben. Denn sie soll bis kurz vor ihrem Tod jedes Jahr mindestens einmal dort gewesen sein.


Heute ist das Haupthaus leider verschlossen. Es gibt hier aber, sehr zu meiner Überraschung, eine Bothy. Die Bothys sind kostenlose Unterkünfte für Wanderer, wo diese ihr Nachtlager aufschlagen können. Beim Betreten schlägt einem ein kalt-feuchter, aber nicht muffiger Geruch entgegen. Man kann sich richtig vorstellen, dass hier erst mal ein Feuerschein im Kamin angezündet wird, um die nassen Klamotten zu trocknen, bevor man sich unter dem Dach in seinen Schlafsack mummelt. Wer kann von sich schon behaupten, dass er mal kostenlos in einer echt königlichen Lodge geschlafen hätte?

Ein Highlight
Auf dem Rückweg, der uns auf der geschotterten Fahrstraße in Richtung Parkplatz bringt, sind wir fast schon erleichtert, dass es nur noch „normal“ schön ist. Man könnte zwar auch hier an jeder Ecke noch einmal stehen bleiben und Fotos schießen, aber wir sind uns sicher, dass wir ohnehin schon mehr als genug Bilder gemacht haben.

Wir beschließen, in durchgängigem Tempo zum MoMo zurückzukehren. Für unseren Schnitt ist das auch ratsam. Denn statt der veranschlagten 3–4 Stunden benötigen wir am Ende nahezu fünf Stunden. Wir möchten keine davon missen. Diese Wanderung gehört zu unseren absoluten Top-Erlebnissen in Schottland!

Jetzt aber Entspannung
Es trifft sich ganz gut, dass wir vorgeplant haben. Denn für die kommenden 3 Tage haben wir uns auf dem Campingplatz Firbank Park in Dinnet einen Platz gesichert.
Und das stellt sich als ein kleiner Glücksfall heraus. Denn es ist ein mehr als ungewöhnlicher Platz. Auf dem großen Areal gibt es sage und schreibe gerade einmal 6 Plätze. Wir haben schon Plätze erlebt, die auf dieser Fläche mindestens zehnmal so viele Fahrzeuge unterbringen würden. Hier ist das alles XXXL. Allein auf dem Platz zwischen zwei Parzellen könnte man noch zwei Womos unterbringen, ohne dass man sich bedrängt fühlen würde.
Wir sind uns sicher, dass wir hier eine feine Basis für das weitere Erkunden des Dee-Valley gefunden haben.