Kneep schenkt uns am Morgen noch einmal absurde Farben am Himmel. Von Orange über Pink bis zartem Lila wird alles ausgepackt, was der Himmelsfarbkasten zu bieten hat. Ich versuche das mal mit ICM (International Camera Movement, wie wir Fotografen sagen, wenn das Bild unscharf, aber genau so gewollt ist) einzufangen. Denn diese Spielart der Fotografie habe ich vor drei Jahren am Luskentyre Beach kennen- und lieben gelernt, und sie soll heute auch wieder eine Rolle spielen, wenn wir genau dorthin fahren.
Ja, richtig gelesen: Heute ist Abfahrt.

Durch die North Harris Hills
Nach dem farbenprächtigen Sonnenaufgang stellt das Wetter auf grau und regnerisch um. Das gibt der Landschaft, durch die wir jetzt fahren, eine gewisse Tristesse, aber auch eine besondere, schwermütige Magie.
Das Kuriose an Harris und Lewis sind die Entfernungen. Obwohl wir per Luftlinie näher an Luskentyre liegen als die Inselhauptstadt ist die Fahrtzeit mit fast 2 Stunden um ein Drittel länger als von Stornoway aus.

Es gibt einfach keine Verbindungsstraßen durch die North Harris Hills. Außer einer: der A859. Auf die biegen wir ab und fahren durch ein wildes Fjordland, was an Norwegen erinnert. Hier allerdings eher abweisend rau als majestätisch erhaben wie in Norwegen. Schön finden wir aber beides.
Versorgungsstopp in Tarbert
Wenn wir nicht schon einmal hier gewesen wären, wären wir verwundert, dass es rund um Tarbert, das einzig nennenswerte Städtchen hier, fast lieblich ist. Also: verglichen mit dem rauen Rest.
Ein Problem auf den Äußeren Hebriden (und eigentlich auch ein Ärgernis bei der touristischen Vermarktung der Region) ist die Entsorgung. Neidisch denken wir an unsere Bretagne-Tour vom Frühjahr, auf der man sich nur Gedanken machen musste, wie schnell man entsorgt hat und nicht, wo das überhaupt geht.
Denn auf dem Campingplatz in Kneep gibt es zwar eine Entsorgung für Chemietoiletten, aber nicht für Grauwasser. Dieses werden wir in Tarbert los, da wir es nicht einfach auf die Wiese ablassen oder trielen lassen wollen.
Es frustriert dann nur mal wieder, zu sehen, dass offensichtlich ein paar Idioten aber auch ihre Toilette samt Toilettenpapier in die Rinne entsorgt haben. Im Zweifelsfall, um 3 Pfund zu sparen. Manchmal fällt die Sache mit dem Glauben an die Menschheit echt schwer…
Begeisterung ab Sekunde Eins
Wir verlassen Tarbert und fahren weiter durch eine absolute Mondlandschaft, die uns an den Burren in Irland erinnert. Komplett unwirtlich, aber auch absolut faszinierend.
Nach 10 Kilometern taucht dann endlich die Bucht von Luskentyre vor uns auf. Es ist wie beim ersten Mal wieder ein unbeschreiblicher Moment, diese riesige Bucht voller Sand und türkis glitzerndem Meereswasser vor sich liegen zu sehen.
Das wird dann nur noch dadurch übertroffen, immer näher und näher zu kommen. Noch strahlender wird das Gelb des Sandes, noch leuchtender werden die schimmernden Farbtöne des Meeres. Es ist zum Verrücktwerden schön!



Kurz überlegen wir, ob wir an dem offiziellen Platz des North Harris Trust am Straßenrand stehen wollen, den wir schon beim letzten Mal wegen des atemberaubenden Blicks auf die Bucht gewählt hatten. Da dort aber noch niemand steht, heben wir uns das als Plan B auf und fahren weiter bis zum Ende der Straße. Und siehe da: Auch am Beach Parking steht nur ein anderes Womo und es gibt genügend Platz für das Mannimobil.
Der schönste Strand der Welt
Voller Vorfreude machen wir uns strandfein (also Regensachen und Gummistiefel) und gehen die paar Meter durch die Dünen bis zum Strand.


Auch wenn man schon einmal dort war, ist der Zauber ungebrochen. Hier stimmt der Spruch, den wir auf einem Lieferwagen gesehen haben, aber mal zu 100 %: „Outer Hebrides, like the Carribean, but cooler.“ Stimmt im doppelten Wortsinn.




Ich habe einen Fotogasmus nach dem anderen. Wellen, Berge, Farben, Weite, Formen, Strukturen, Bewegungen. Es ist ein einziges Fest.







Und dabei ist das Wetter alles andere als perfekt. Am Himmel mehr oder weniger eine graue Suppe. Auch keine riesigen Wellen oder besondere Lichtstimmungen. Und trotzdem macht das alles nichts. Wir sind happy!





Also, die Hunde jetzt nicht so sehr. Denn als wir um die Ecke des Strandes biegen, fegt ihnen der Südwind um die Ohren. Und in Hundehöhe bedeutet das leider auch: jede Menge Sand. Und ungemütlich ist der Gegenwind wahrscheinlich auch noch, so ohne Jacke.




Das vergessene Stativ
Wir suchen uns also durch die Dünen einen Weg hinüber zur Straße. Dort hatten wir auf dem Hinweg ein nettes Lädchen gesehen. Auf dem Weg treffen wir noch Toby, das weiße Pony, das hier frei durch die Dünen streift.

Im Laden könnte man allerhand Souvenirs kaufen, aber wir sind durch die Galerie in Achiltibuie so verwöhnt, dass uns nichts davon wirklich begeistert. Wir machen uns auf den Heimweg zum warmen MoMo.

Kurz vor der Ankunft wundere ich mich, warum mir mein Fotorucksack so leicht vorkommt. Irgendetwas fehlt da doch? Stimmt, ich hatte mein Stativ im Laden abgestellt, um in Ruhe die Auslagen zu betrachten.

Während Annette mit den Hunden die letzten Meter zum Wohnmobil geht, darf ich noch einmal einen Kilometer gegen den Wind laufen.
Das Stativ steht brav da, wo ich es abgestellt hatte, und ich nutze die windfreie Stube, um noch mal Objektive zu wechseln. Denn, wenn ich jetzt schon ohnehin alleine unterwegs bin, kann ich auch den Rückweg über den Strand machen und noch weiter fotografieren.

Schniesel
Und wieder habe ich meinen Spaß beim ICM-Fotografieren und dem Beobachten der Leute, die mir entgegenkommen. Denn ich habe einen entscheidenden Vorteil. Während sie sich gegen den Wind stemmen, um voranzukommen, lasse ich mich von hinten schieben.



Aber in jedem Ying steckt auch ein Yang. Durch meine warme Daunenjacke merke ich erst recht spät, dass es nicht nur Wind ist, der von hinten kommt, sondern auch Schniesel.
Schniesel: schäbiger Niesel.
Habe ich mir geborgt von meinem großen ICM-Vorbild Shona Perkins, die den Begriff „mizzle“ verwendet: „miserable drizzle.“ Bei diesem Wetter habe sie am Luskentyre so manch gutes Bild gemacht. Schaut euch unbedingt mal Shonas Bilder an – sensationell!
Aber zurück zum Schniesel: Dieser feinste Regen hat mich mittlerweile bis auf die Unterhose durchnässt und ich freue mich darauf, ins gemütliche Mannimobil zurückzukehren.

Aber auf dem Rückweg dann doch immer noch mal die Kamera hochnehmen und auf den Auslöser drücken. Es ist so unbeschreiblich hier!
