Unser letzter Morgen in Kneep. Wir möchten endlich zu unseren großartigen Sehnsuchtsstränden auf Lewis, Luskentyre und Seilebost aufbrechen.
Es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. Sonnig, kaum ein Lüftchen geht und dank des fortgeschrittenen Herbstes auch keine Midges mehr. So lässt es sich leben!

Aber wir merken auch, dass uns die Stürme der vergangenen Tage psychisch etwas durchgerüttelt haben. Und am kommenden Wochenende könnte der bisher heftigste Sturm kommen. Wollen wir dann noch auf den Äußeren Hebriden bleiben? Unsere Diskussion wogt hin und her und am Ende beschließen wir, schon mal eine Fähre zu buchen, die man dann zur Not noch mal umbucht. Haben ist besser als brauchen.
Aber die Entscheidung bedeutet auch, dass wir nun eine Deadline für unseren Hebridenbesuch haben. Nichts wie los zu neuen Abenteuern! Wir haben auf einmal das blöde Gefühl, hier schon viel zu lange versackt zu sein.
Wir bereiten alles für die Abfahrt vor und machen noch eine letzte Runde mit den Hunden am Strand.
Und da macht es auf einmal Klick bei uns. Wir schauen auf den blauen Himmel und das türkisklare Wasser, was gänzlich still vor uns liegt, und wissen mit einem Mal beide, was wir wollen.

Im Doppelboden des Alpa schlummert noch unser Faltkajak, für dessen Einsatz es bisher nicht mal ansatzweise eine Möglichkeit gegeben hätte. Wir erinnern uns beide noch gerne an das Paddeln in der Bucht von Clachtoll und hier haben wir die Möglichkeit, genau das zu tun. Wir wären ja blöd, wenn wir so eine Gelegenheit nicht nutzen würden! Der Strand von Luskentyre muss also noch einen weiteren Tag auf uns warten.

Verlängerung
Ich gehe zur Rezeption, um unseren Platz für einen weiteren Tag zu verlängern. Statt wie sonst auf den kauzigen Finn zu treffen, ist heute eine Frau um die 40 Platzwartin.
Ein Glücksfall für mich, denn sie gibt mir reichlich Tipps fürs Paddeln, an die ich nicht gedacht hätte.

Regel Nummer Eins: Die Tiden beachten.
Die jeweilige Strömung sei 3–4 Stunden nach dem Hoch- oder Tiefpunkt am stärksten. Bei Ebbe würde dies einen in Richtung offenes Meer ziehen, was beim Paddeln dann anstrengend würde, wenn man wieder zum Strand zurückwolle.
Ideal seien die 1–2 Stunden um Ebbe und Flut herum.
Hilfsbereit recherchiert sie für mich die Zeiten und kommt zu dem Schluss, dass heute Nachmittag ab 15 Uhr der ideale Zeitpunkt für uns sei.
Wir können also ganz entspannt schon mal alles vorbereiten, können sogar die Stühle herausholen und warten dann auf die Ebbe.
Annette erinnert mich daran, dass heute doch mal ideales Wetter für die Drohne sei. Stimmt, hätte ich total vergessen! Dabei ist diese Landschaft doch prädestiniert für schöne Aufnahmen aus der Luft.




Reif für die Insel
Da wir nur einen Kajak dabeihaben, ist Schichtbetrieb angesagt. Erst Micha, dann Annette.
Ich finde es wieder aufregend, in See zu stechen. Denn wenn die Strömung mich hinaus aufs offene Meer zieht, wäre die nächste Station Amerika. Und abgesehen von den sonstigen Unbequemlichkeiten: Zum faschistischen Diktator zieht es mich nun wirklich nicht hin.

Aber es ist wie erhofft ein einziges Vergnügen. Ein weiterer Tipp von der freundlichen Platzwartin ist die kleine Insel Siaram Mòr direkt vor unserer Nase. Die hätte nämlich auch einen Sandstrand, der aber nur bei Ebbe zum Vorschein komme und vom Campingplatz nicht sichtbar sei.

Wie einst Robinson Crusoe
Als ich die Insel im Uhrzeigersinn umrunde, taucht der Strand tatsächlich nach nicht allzu langer Zeit vor mir auf.
Ich bin sofort begeistert. So muss es bei Robinson Crusoe ausgesehen haben! Ein komplett unberührtes Eiland, auf das noch kein Mensch zuvor seine Füße gesetzt hat. Mein Entdeckerherz schlägt höher. Nichts wie an Land!


Ich ziehe das Boot lieber noch mal einen Meter höher auf den Sand. Nicht, dass ich noch zu einem wirklich Schiffbrüchigen auf dieser kleinen Insel werde.

Treibgras
Ich erkunde die wirklich herzig kleine Insel und stelle enttäuscht und doch begeistert fest, dass ich wohl doch nicht der erste Mensch hier bin. Auf einer Anhöhe sieht man noch die Grundmauern eines Gebäudes.

Hat hier jemand gewohnt? Oder war es nur ein Unterstand für Schafe, die hier vielleicht mal ausgesetzt wurden? Heute gibt es keine mehr. Weshalb das Gras hier auch wuchert wie Unkraut. Es ist herrlich, über diesen wunderbar weichen, nachgiebigen Teppich zu laufen.

Als Annette später auf ihrer Runde die gleiche Erfahrung macht, bringt sie es auf den Punkt: Man hat das Gefühl, dass das Gras einen verschlucken könnte: Treibgras!

Für uns beide ist die Zeit auf der Insel eigentlich viel zu kurz. Für mich, weil ich an Annette denke, die diese Erfahrung ja auch noch machen soll und für Annette, die daran denken muss, dass sie nicht so spät wiederkommt, dass wir mit dem Trocknen und Abbauen des Faltkajaks in Schwulitäten geraten. Denn man mag es nicht wahrhaben: Für morgen steht wieder Regen auf dem Programm.





Ein runder Abschluss
Das Wetter bleibt auch am Abend noch schön. Was läge da näher, als den Grill anzuschmeißen? Und wenig später sitzen wir mit Bierchen bei Couscous-Salat und Würstchen vor dem MoMo und feiern unsere goldrichtige Entscheidung vom Vormittag. Und als abends noch Platzwart Finn mit seinem Auto vorbeikommt, gibt es natürlich nur ein Thema: das spätsommerliche Wetter.

Finn befindet: „Best day of the year.“
Und wir waren dabei!
