Ballyhiernan Tag-1

Dreimal Schutzengel

Wir lernen heute viel über die Hilfbereitschaft der Iren und schwelgen in Erinnerungen. Nach einem dramatischen Zwischenfall wissen wir unser Glück noch viel mehr zu schätzen.

Autor
Micha
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    Die Pollan Bay macht uns den Abschied leicht. Zur Abwechslung ist es heute mal trüb und die Wolken hängen tief. Wenn nicht die Entsorgung nötig wäre, hätten wir trotzdem noch über eine weitere Übernachtung nachdenken können. Wir packen alles zusammen und verabschieden uns von diesem schönen Ort.

    Irgendwie habe ich einen siebten Sinn oder einen Schutzengel. Ich schalte auf der Holperstrecke unsere Reifendruckkontrollsystem ein und mir wird ein Druckverlust auf dem vorderen rechten Reifen angezeigt: Nur noch 1,1 bar!

    An der nächsten Möglichkeit halten wir an und begutachten die Lage.

    Ein ukrainischer Motorradfahrer beteiligt sich an der Fehlersuche und hilft uns, die Schraube zu finden, die sich in die Lauffläche gebohrt hat. Aua! Jetzt ist guter Rat teuer. Müssen wir den Pannendienst anrufen? Der Ukrainer rät uns, erst mal den Farmer zu fragen, ob er einen Kompressor habe. Vielleicht könnten wir so mit der Schraube im Reifen noch bis zur nächsten Werkstatt kommen.

    Ich bedanke mich für seinen Tipp mit einem „Slawa Ukraini“, was bei ihm überraschenderweise gar nicht gut ankommt. Er sieht Selenskij als Diktator und ist nicht gut auf ihn zu sprechen. Wir können uns aber darauf einigen, dass wir ihm Frieden für sein Land wünschen.

    Schutzengel Paul

    In diesem Moment kommt Paul mit seinem Pickup vorgefahren.

    Paul ist der Bauer, der für die Wohnmobile diesen kleinen Stellplatz anbietet. Und, wie wir jetzt feststellen dürfen, eine Seele von Mensch. Mit irischer Freundlichkeit sondiert er die Lage und weiß was zu tun ist: Der Reifen muss geflickt werden. Und mit der Tatkraft des Farmers macht er sich ans Werk: „I have to do that all the time.“

    Wir staunen (und uns ist ein wenig mulmig) als er mit einem Korkenzieher-Werkzeug beherzt in das Loch hineinbohrt. „Wieso vergrößert der das Loch denn noch?“, denkt Keine-Ahnung-Micha. Anschließend wird ein Streifen Kautschuk(?) mithilfe des Korkenziehers in den Reifen eingebracht und gerade so weit wieder herausgezogen, dass er noch etwas herausschaut.

    Paul und der Plattfuss

    Natürlich hat Paul auch einen Kompressor, mit dem er unseren Reifen im Nu wieder befüllt bekommt. Nun der Wassertest: Es kommen Blasen. Nicht gut.

    Für Paul ist es aber nur die Bestätigung, dass er zu vorsichtig war. Ein etwas breiterer Streifen wird mit der gleichen Methode eingebracht und wieder der Wassertest gemacht: keine Blasen mehr! Dabei sieht das Ganze jetzt eher so aus, als hätte man das Loch lediglich mit einem großen Kaugummi verschlossen.

    Wir möchten Paul am liebsten um den Hals fallen, aber es bleibt dann doch bei einem sehr erleichterten Strahlen, einem „Thanks a Million“ und einem festen Händedruck. Meine Nachfrage nach einer Bezahlung wehrt Paul so entschieden und bescheiden ab, dass alles andere eine Beleidigung gewesen wäre. Wir winken ihm dankbar hinterher, als er losfährt.

    Noch ein kurzer Schreck, als wir anschließend losfahren wollen und der Reifendrucksensor nur 2,2 Bar anzeigt. Gibt es doch einen Druckverlust? Ich will gerade Paul anrufen (wie praktisch, dass ich seine Nummer noch von der Stellplatzanfrage habe!), als er auch schon wieder um die Ecke kommt.

    „Something wrong?“ fragt er. Als ich das Problem schildere, lacht er nur und meint, dass die Druckanzeige bei seinem Kompressor manchmal nicht so ganz stimme. Er wuchtet den großen Kompressor erneut aus seiner Heckklappe, füllt noch einmal mit viel Gefühl nach und als wir danach losfahren, haben wir genau den gleichen Druck wie auf dem anderen Vorderreifen – perfekt!

    Paul und der Plattfuss

    Auf den ersten Kilometern beobachten wir die Reifendruckkontrolle mit Argusaugen. Aber auch am Ende des Tages bleibt der Druck genau da, wo er sein soll. Was haben wir für ein unfassbares Glück gehabt! Und gleichzeitig denke ich an meine Reifenwerkstatt zu Hause, wo man mir sagte, dass sie keine Reifen mehr reparieren würden. Es gäbe eine neue EU-Verordnung, dass nur entsprechend geschulte Mitarbeiter eine Reifenreparatur durchführen dürften. Kostenpunkt 8000 € Ausbildungskosten. Und so sehr wir Paul für seine tatkräftige Hilfe feiern: Es sah jetzt nicht gerade nach Raketenwissenschaft aus, was er für die Reparatur brauchte. Manchmal ist Europa so anstrengend…

    Nancy, die Zweite

    Was macht man, wenn man so einen Schreck verdauen will?

    Richtig, erst mal was Gutes essen. Und was soll ich sagen – wenn wir doch eh auf der Strecke an Nancy’s Barn vorbeikommen, wo wir gestern so lecker gegessen haben…? Natürlich muss man da noch mal einkehren!

    Dieses Mal gibt es Chowder für beide und zusätzlich noch Pommes, die gestern am Nebentisch so lecker aussahen. Heute können wir bestätigen, dass sie ebenfalls köstlich sind. Wenn ihr also eher auf holländische Pommes steht, wird das genau euer Ding sein. Und der Chowder schmeckt beim zweiten Mal vielleicht sogar noch etwas besser.

    Nancy-2

    Weil es gestern so gut geschmeckt hat, nehmen wir auch heute wieder Gebäck für ein spätes Kaffeetrinken mit. Neben dem Millionaire Shortbread können wir auch die Lemon Meringe und vor allem die hausgemachten Scones wärmstens empfehlen!

    Gaelic Football mal wieder

    Auf der Weiterfahrt fallen uns die gelb grünen County-Flaggen von Donegal auf, die hier auffällig oft am Straßenrand zu sehen sind. Diese erkennen wir sofort von einem unserer ersten Besuche in Donegal wieder. Im Jahr 1992 hatte Donegal das erste Mal überhaupt die irische Meisterschaft im Gaelic Football gewonnen, die zwischen den einzelnen Countys ausgespielt wird. Es war eine fantastische Atmosphäre in Donegal Town und das Finale gegen den großen Favoriten Dublin wurde auf der großen Leinwand übertragen.

    Go Donegal

    Auch wir fieberten damals mit „unserem“ Team und freuten uns riesig, weil man merkte, wie viel Freude dieser Sieg den Leuten damals bereitete. Vor allem, weil man sich den Sieg natürlich sehnlichst wünschte, es aber rein gar nichts von der Bösartigkeit mancher Fußballduelle hatte. Die Iren sind da eher wie die Schotten: Fanatisch, aber fröhlich. Und gute Verlierer. Und Gewinner!

    Heute ist es das Viertelfinale um die Sam-Maguire-Trophäe: Nachbarschaftsduell gegen das County Down. Am Ende leider mit dem besseren Ende für das Team aus dem County Down.

    Crash-Schutzengel

    In Buncrana können wir noch einmal entsorgen, bevor wir die Inishowen-Halbinsel verlassen. Hier waren wir nicht zum letzten Mal!

    Die Strecke in Richtung Letterkenny ist dann großzügig ausgebaut. Tempo 100 ist hier möglich und die Regel. Ich fahre da lieber mit Tempo 90 und das ist dann auch gut so. Nicht wegen unseres Reifens, denn der hält einwandfrei auch die höheren Geschwindigkeiten aus.

    Aber plötzlich geht alles sehr schnell. Aus dem Gegenverkehr kommt auf einmal ein VW-Bus auf unsere Fahrbahn. Einen plausiblen Grund hierfür habe ich nicht gesehen. Ausweichen kann ich nicht, da am Fahrbandrand Fahrzeuge geparkt sind. Ich hupe, trete in die Eisen und nur wenige Meter vor uns schwenkt der Bus Gottseidank zurück auf seine Fahrbahn.

    Nicht schön, wenn einem ein Fahrzeug mit Tempo 100 entgegenkommt! Ich habe reichlich Puls und gehe die Situation in Gedanken immer wieder durch. Was zur Hölle muss da in dem anderen Fahrzeug passiert sein? Denn wie ein bewusstes Überholmanöver sah das Ganze nicht aus. Aufs Handy geguckt? Herzinfarkt? Unerfahrener Fahrer?

    Es ist ein beklemmendes Gefühl, dem Tod (überlebt hätten wir den Crash kaum) so knapp von der Schippe gesprungen zu sein. Annette lobt meine schnelle Reaktion und ich bedanke mich bei dem Schutzengel, der in dieser Situation aber mehr als kräftig seine schützenden Hände über uns gelegt hat.

    Ballyhiernan Bay

    Unser Tagesziel ist die Fanad-Halbinsel. Dort haben wir lebhaft gute Erinnerungen an den Strand in der Ballyhiernan-Bay.

    (Fun fact: Beim Recherchieren und Nachlesen des alten Blogeintrags bin ich ganz begeistert von den schönen Bildern. Es dauert ein wenig, bis der Groschen fällt, dass das ja meine eigenen sind…)

    Damals habe ich geschrieben, dass das ab sofort unser neuer Lieblingsstrand in Irland sei. Und als wir ankommen, weiß ich auch wieder, warum ich so begeistert war. Alleine schon die letzten paar hundert Meter bis zum Parkplatz sind Vorfreude pur. Dünenlandschaft, ein paar Schafe hier, ein paar Kühe dort. Und der Parkplatz großzügig und alles andere als überfüllt.

    Ballyhiernan Tag-1

    Nachdem wir das MoMo geparkt haben, geht es erst mal an den Strand. Die Hunde sind bis jetzt viel zu kurz gekommen und auch wir möchten uns den Schreck vom Beinahe-Crash aus den Beinen laufen.

    Eine Besonderheit hier sind die vielen Infos zum Dünenschutz, für einen sauberen Strand und die bunt bemalten Steine, die hier offensichtlich eine Schulklasse hinterlassen hat.

    Ballyhiernan Tag-1
    Ballyhiernan Tag-1

    Kuh-Schutzengel

    Beim Laufen kommen die Erinnerungen wieder, wie es hier vor vier Jahren war. „Weißt du noch, da hinten kommen die Felsen!“ „Genau, da haben wir doch dieses englische Ehepaar getroffen, wo die Frau seit ihrer Kindheit hierhin kommt und so besondere Muscheln gesammelt hat.“ Herrlich!

    Ballyhiernan Tag-1

    Aber plötzlich bemerkt Annette etwas Merkwürdiges: In den Dünen stromern zwei Kälber auf und ab. Was machen die denn da? Und wo ist die dazugehörige Kuhmama? Wir beobachten die Situation aus der Entfernung und werden nicht ganz schlau daraus. Die Kühe auf der Weide daneben grasen entspannt hinter dem Stacheldrahtzaun. Niemand scheint die Kälber zu vermissen.

    Ballyhiernan Tag-1

    Aber wir müssten halbwegs nah mit den Hunden an ihnen vorbeigehen. Wir möchten nach den Ereignissen des Tages nicht schon wieder unseren Schutzengel strapazieren, wenn dann eine wütende Kuhmutter ihre Kälber vor uns und den Hunden verteidigt.

    Also drehen wir um und gehen auf Nummer Sicher. Ein paar lokale Strandspaziergänger, die ebenfalls mit ihren Hunden in Richtung Kuhherde unterwegs sind, geben aber Entwarnung. Das wäre schon mal so und kein Grund zur Beunruhigung. Besser so!

    Für uns heißt es trotzdem Rückkehr zum Mannimobil, denn dort warten ja noch die Leckereien von Nancy’s Barn auf uns. Und mit dieser Seelennahrung finden wir am Ende des Tages unser emotionales Gleichgewicht wieder.

    Und als wir abends dann unseren Strandspaziergang machen, fühlt sich alles schon wieder wie immer an. Das wohlig warme Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Einen Tacken lebendiger und dankbarer als noch am Vortag. Was haben wir für ein Glück!

    Ballyhiernan Tag-1
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