Was. Ein. Tag!
Aber der Reihe nach. Der Tag beginnt bereits mit einem Hoffnungsschimmer.
Ich hatte noch einmal eine Mail an den Support von Goldschmitt geschrieben, damit ich noch besser verstehen kann, was jetzt geboten ist. Fahren oder nicht fahren? Abschleppen, aber wohin? Wie lange würde ein Ersatzteilversand wohl dauern? Alle diese Fragen hatten wir mit ins Bett genommen und entsprechend unruhig geschlafen.
Teil-Entwarnung
Aber als ich aufwache und meine Mails am Handy checke, sehe ich eine Antwort-Mail von Goldschmitt, die um 5:20 Uhr morgens abgesendet wurde. Das nenne ich mal Einsatz! Da ich noch einige Fragen habe, schreibe ich zurück und gebe meine Handynummer an, unter der ich dann auch kurz vor Acht zurückgerufen werde.
Auch, wenn wir der Lösung noch keinen Schritt näher sind, bekomme ich schon mal Prokura, mit dem Mannimobil weiterzufahren, „ganz normal“. Idealerweise mit einem auf der rechten Seite abgesenkten Druck, damit die Fahrstabilität nicht leidet. Da bei einer Zusatzluftfederung auch noch die normale Federung vorhanden ist, würde unsere Reise zwar unkomfortabler (weniger gefedert), aber nicht zwingend unsicherer. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein Federbalg, der unter der Belastung ohne Luft frühzeitig defekt sei und dann halt ausgetauscht werden müsse.
Aber die Kernaussage ist: Weiterfahren. Hurra!
Von Liam zu Lyndon
Wir verabschieden uns von unserem Asyl hinter Davids Garage und machen uns auf den Weg nach Osten. Dort könnten wir nämlich unsere Gasvorräte auffüllen, die sich bedenklich dem Ende zuneigen. Und auf dem Weg gibt es in der Nähe von LetterkennyDonegal Motorhomes, einen Händler, der auch eine Werkstatt hat. Die Leute in den Google-Rezensionen sind sich einig, dass sie dort bei Liam in besten Händen waren. Wir denken: Versuch macht klug.
Als ich auf den Hof gehe, sieht es gar nicht gut aus. Alles steht voller Womos, die Werkstatt ist voll. Die haben gut zu tun hier.
Ein älterer, freundlicher Herr kommt mir gemütlich entgegen. „How can I help?“ Ich schildere unser Problem und mit einer Geste in Richtung Werkstatt deutet er mir an, was ich schon vermute: „Today is very busy.“ Aber wenn ich morgen so um 11 Uhr noch mal wiederkäme, könne man sich das anschauen. Ich bin schon vollkommen begeistert und erneut hoffnungsvoll: Hier scheinen wir richtig zu sein, sagt mein Gefühl.
Es wird aber noch besser. Liam hat einen Geistesblitz: Wir könnten eventuell auch heute noch eine Lösung finden, wenn wir ein paar Kilometer weiterfahren. Etwas weiter südlich gebe es eine Lkw-Werkstatt. Er ruft für mich dort an und begrüßt Lyndon, seinen Gesprächspartner mit einem liebevoll-verschmitzten „Hello, little man“, was ich später, als wir den urig-bärtigen Lyndon sehen, umso charmanter finde.
Ich höre dann genau die Auskunft, die ich hören möchte: Wir können sofort dorthin kommen, müssten an der Rezeption nach Lyndon fragen und alles Weitere würde sich dann schon klären. Äußerst dankbar verabschiede ich mich und hoffnungsfroh fahren wir weiter.
Auf den paar Kilometern dorthin riechen wir beide allerdings einen Geruch von verbranntem Gummi. Deutet sich da direkt die nächste Alpa-Baustelle an? Bitte nicht!

Eine unerwartete Lösung
Es kommt dann, wie Liam es angekündigt hat. Wir fragen nach Lyndon, der uns mit einem „2 minutes“ vertröstet, aber dann erstaunlicherweise einhält. Ein Mitarbeiter übernimmt das Wohnmobil, da wirklich strikt niemand in die Werkstatt darf. Es gebe dort auch zwei „big dogs“, wir sollten bitte auf unsere kleinen Hunde aufpassen.
Wir nehmen Elli und Toffi mit ins Wartezimmer, wo wir und sie mit den anderen wartenden Männern schnell Freundschaft schließen. Warten verbindet.
Nach knapp zwei Stunden ruft Annette auf einmal aus „Das Womo ist weg!“ Zuvor konnten wir es immer in der Halle stehen sehen. Wenig später kommt Lyndon mit zwei erhobenen Daumen auf den Warteraum zu. Echt jetzt? Repariert? Denn wir hatten bestenfalls mit einer Diagnose gerechnet und dass wir anschließend auf Ersatzteile von Goldschmitt warten müssten.
Die Lösung ist dann so unerwartet, dass ich da in 100 Millionen Jahren nicht drauf gekommen wäre.
Lyndon überreicht mir ein kleines Stück der gelben Luftleitung, das merkwürdig verschmort aussieht. Er erzählt, dass sie gewissenhaft den Luftbalg und auch die Leitungen mit Seifenlauge eingesprüht hätten, um das Loch zu finden. Ohne Ergebnis, genau wie bei David und mir.

Ihr ukrainischer Mitarbeiter habe dann aber die zündende Idee gehabt, die Leitung mal weiter in den Innenraum zu verfolgen. Denn diese wird an der Starterbatterie vorbeigeführt. Dort habe man dann gesehen, dass wohl ein Kontakt der Batterie lose gewesen sein und die Luftleitung angefangen habe zu schmoren. Also die Erklärung für sowohl den Druckverlust als auch den komischen Geruch!
Wir können unser Glück gar nicht fassen! Zwei Probleme auf einmal gelöst und das noch in Rekordzeit – es ist gerade einmal halb zwei!
Wir fühlen uns, als sei eine schwere schwarze Decke von uns genommen, die Sonne und Fernblick verhangen hat. Und als wolle uns die Realität das spiegeln, kommt auch die Sonne raus und lässt alles wieder locker und leicht erscheinen, was als Beschwernis auf dem weiteren Reiseverlauf lag.
Grianán of Aileach
Wir kümmern uns erst mal ums Auffüllen des Gasvorrats. Auch dies klappt vollkommen problemlos. Während ich tanke, studiert Annette schon mal die Karte. Und entdeckt, dass das Ringfort Grianán of Aileach um die Ecke liegt. Daran waren wir auf dem Hinweg nach unserem Nahtoderlebnis geschockt vorbeigefahren, obwohl wir es eigentlich besuchen wollten. Das holen wir heute nach.
Es geht bergauf. Und nochmal bergauf. Und vor dem letzten schmalen Stück warnt sogar ein Schild vor der Steigung. Sollen wir? Aber ich habe jetzt Oberwasser: Klar sollen wir!
Ein paar Autos kommen uns entgegen, aber es lässt sich gut rangieren. Die Steigung lässt das Mannimobil ordentlich schnaufen, aber es bringt uns klaglos zum Parkplatz neben dem Fort. Sogar einen dieser kleinen Coffee-Anhänger, die seit Corona zum irischen Straßenbild gehören, gibt es hier oben!
Wir gönnen uns dort beim zwar rothaarigen, aber mit einem eindeutigen osteuropäischen Akzent sprechenden Alexander zur Feier des Tages Kaffee und Cookies, die wir anschließend im MoMo verzehren wollen. Wir unterhalten uns nett und als er hört, dass wir bald nach Schottland übersetzen wollen, setzt er uns noch einen Floh ins Ohr, der vielleicht unseren Aufenthalt in Nordirland noch etwas verlängert. Wird noch nicht verraten, aber kleiner Teaser für die, die Referenz erkennen: „I drink and I know things.“…

Das kreisförmige Steinfort ist aus zwei Gründen für uns beeindruckend. Mal wieder wegen der Frage, wie man all diese Steine vor Urzeiten hier oben hin bekommen hat (der Weg ist wirklich hart steil!). Aber eben auch wegen der heute fantastischen Aussicht über den Lough Swilly und den Rest der Landschaft. Als wir 2003 hier waren, lag alles im mystischen Nebel und wir konnten uns nicht mal ansatzweise vorstellen, warum der Reiseführer von einer Aussicht schwärmte.


Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal bei Alexander vorbei und wechseln ein paar weitere Worte. Als ich ihn nach seiner Herkunft frage, möchte er, dass ich rate. Über meinen Volltreffer „Ukraine“ ist er so begeistert, dass er mir eine Schokopraline schenkt. Eine nette Begegnung.
Osten oder Norden?
Wir diskutieren, ob wir in Richtung Belfast fahren sollen, um dann bald mit der Fähre „nach Hause“ nach Schottland zu fahren. Annette bringt den Strand in Tullagh ins Spiel, den mir Colin am Ballyheirnan Strand wärmstens ans Herz gelegt hat.
Zunächst bin ich nicht überzeugt, da es von unserem Standort aus fast eine Stunde wäre. Außerdem hatten wir mit Inishowen für diese Reise doch schon abgeschlossen.
Aber Annette bringt auf einmal noch die Gap of Mamore ins Spiel, die wir vor einer Woche ausgelassen haben, da die Wolken sehr tief hingen und wir uns unter diesen Bedingungen keine tolle Aussicht von dieser Passstraße versprochen haben. Als dann noch klar wird, dass ein Besuch bei Nancy’s mit Seafood Chowder möglich wäre, bin ich sofort überzeugt. Super Idee!
Gap of Mamore
Unser Weg zum Gap of Mamore führt uns mal wieder über den Wild Atlantic Way bis zum Dunree Head. Wunderschön ist der Blick, den wir immer wieder hinüber aufs Meer haben. Die Handybilder geben das nur ungenügend wieder.

Ab hier wird es dann richtig kribbelig. Die Straßen werden enger und anders als in Schottland gibt es eher Empfehlungen für etwas breitere Stellen für Begegnungsverkehr. Man wünscht sich schon sehr, dass bitte jetzt niemand hier entgegenkommt. Wir haben Glück und treffen jeweils an breiteren Stellen auf Busse und Lkws.
Als wir uns auf dem letzten Stück vor der Mamore Gap befinden, ist der Ausblick auf die nahezu schnurgerade nach oben führende Straße beeindruckend. Ob der Alpa das schafft? Klar, schafft er. Aber es ist Arbeit. Und als wir auf die Passhöhe zufahren, wo die Straße in den Fels gehauen zu sein scheint, fühlen wir uns an die Gap of Dunloe erinnert. Wo in Irland „Gap“ draufsteht, ist anscheinend garantiert Adrenalin drin!

An der Grotto mit den Heiligenfiguren bleiben wir stehen und verdauen erst mal die Auffahrt. Lohnt sich aber auch wirklich! Vor allem, um sich mental auf die Abfahrt vorzubereiten. Denn „what goes up must come down“ stimmt natürlich auch hier.


Es gilt die gleiche Aufgabenverteilung wie immer. Annette krallt sich in den Sitz und ruft „Oh Gott, Oh Gott!“ und ich habe Spaß (bin aber auch beeindruckt).
Am „offiziellen“ WAW-Parkplatz machen wir erst mal einen kurzen Stopp, um die Abfahrt zu verdauen und die Aussicht zu genießen. Denn die ist gewaltig gut.



Tullagh Strand
Nach ein paar weiteren absurden Serpentinen geht es entspannt auf die letzten Meilen. Der große, flache Parkplatz hinter den Dünen sieht genau wie das aus, was wir jetzt haben wollen. Also nichts wie raus an den Strand!
Der ist dann genauso schön wie erhofft und bietet mit seinen Steinen vielfältige Fotomotive, die ich alle im Geiste schon mal durchgehe.


Als wir am nördlichen Strandende ankommen, sehen wir dort einen Wohnwagen stehen. Und neben dem Schotterweg, auf dem er dorthin gekommen sein muss, gibt es noch diverse andere Möglichkeiten zu stehen. Mit Meerblick! Total ruhig!

Es braucht keine Überredungskünste, um festzulegen, dass wir diesen Platz bedeutend schöner finden. Also mache ich mich auf den Rückweg, um das MoMo zu holen, während Annette mit den Hunden dort die Stellung hält.


Als wir schließlich das Mannimobil perfekt ausgerichtet haben, können wir mal wieder nicht fassen, was wir für Glückskinder sind.
Gestern war die Stimmung noch auf dem Nullpunkt, und heute? 100 von 100! Denn als wäre der Tag nicht schon gut genug gelaufen, gibt es als Sahnehäubchen noch einen dieser unvergleichlichen Nordirland-Sonnenuntergänge.








